Wallach “ohne” Trachten

Anamnese

  • Behandlungsschritt 1: Allgemeine Verbesserung Hufsituation
  • Behandlungsschritt 2: Beschlag mit Trachtenunterstützung
  • Behandlungsschritt 3: Erneuerung Beschlag mit Trachtenunterstützung
  • Behandlungsschritt 4: Sehnenverletzung und Umstellung auf Broken Rolling
  • Behandlungsschritt 5: Ernährungsumstellung
  • Behandlungsschritt 6: Mobilisierung nach Sehnenverletzung
  • Behandlungsabschluß: Wallach mit Trachten in der Regenerationsphase

Achtung: die aktuellen Behandlungschritte sind jeweils am Textende zu finden!

Behandlungsschritt 1: Allgemeine Verbesserung der Hufsituation

Osteopathische Befundung

(Diagnose: Esther Weber-Voigt, www.esther-weber-voigt.de)

Ein sehr gut gerittener und schöner Wallach, der auch gesprungen wird. Das Pferd hat  gelegentliche, lockernde Massagen und das Lösen des A/O Gelenks durch Traktion und Kompression erhalten.  Jedoch konnte man an der Hufsituation erkennen, dass der Huf in seiner Bearbeitung und auch Qualität für viele Sekundärprobleme Ursache sein kann. Es ergab sich ein Zusammenhang zwischen der Hufrollenproblematik und der verspannten Muskulatur. Vor einer weiteren Behandlung riet ich an, dass das Pferd entsprechend der Hufsituation sowie nach röntgologischer Befundeng beschlagen werden sollte. Eine sich daran anschließende weitere Untersuchung steht noch aus.

Tierärztlicher Befund

Die tierärztliche Befundung ergab besonders auf der linken Vorhand eine Hufrollenerkranung mit Cystenbildung.

Bild oben: Cystenbildung (helle Stelle) im Strahlbein.

Hufsituation

Das Pferd wurde dem Hufschmied als Ergebnis einer osteopathischen und tierärztlichen Untersuchung vorgestellt. Hierbei war u.a. aufgefallen, dass das Pferd auf der Vorderhand stockend lief. Das Pferd wurde im hohen Springsport genutzt.

Hufmorphologie

Die Form der Vorderhufe zeigte insbesondere auf der linken Hand einen “Knollhuf”, bei dem die Trachten “völlig fehlten”. Die Trachten waren bis etwa zur Hälfte der ingesamt auffussenden Fläche untergeschoben. Der Hufwinkel war aufgrund der Knollenform des Hufes schwer zu messen, betrug jedoch deutlich unter 50 Grad, wobei eine steile Fesselung auf einen idealen Hufstand bei knapp 60 Grad schließen lässt. Das Pferd war mit einem Stahl-NBS-Eisen und gekeilter Luwex-Einlage beschlagen.

Die Situation der rechten Vorhand zeigte Ansätze der selben “Hufentwicklung”.

Laufverhalten

Der tierärtzliche Befundung ergab eine Hufrollenerkranken auf der linken Vorhand. Im Laufverhalten zeigte sich ein stockender Gang, jedoch kein für starke Hufrollenerkrankungen typischer, Wendeschmerz. Auffällig war, dass das Pferd auf der linken Vorhand deutlich im Zehenbereich auffußte, um eine Belastung des Hufrollenapparates zu vermeiden/lindern. Der Zehenbereich war als Folge der Überlastung schmerzempfindlich.

Hufbearbeitung

Die Herausforderung der Hufbearbeitung bestand darin,

  • die Schmerzempfindlichkeit im Zehenbereich zu reduzieren,
  • den Hufwinkel, nach Möglichkeit ohne die weitere Verwendung von Keilen (künstliches Steilstellen führte zur Schmerzempfindlichkeit im Zehenbereich!) steiler zu stellen,
  • das Pferd zu möglichst planer Fußung auf der linken Vorhand zu bewegen,
  • den belasteten Hufrollenapparat zu entlasen.

Beschlagslösung

Vorhand

 

 

 

 

 

Bild links: Knollhuf mit gekeilter Einlage

Bild rechts: Neubeschlag mit gestrecktem Zehenverlauf und steilerem Hufwinkel-trotz Weglassung der Keile: Zwischen Beschlag und Huf ist die PP-Luftdrucksohle zu sehen (siehe auch rechtes Bild unten).

 

 

 

 

 

 

 

Nach Abnehmen der alten Hufeinsen zeigte sich, dass das Pferd im Zehenbereich über deutlich zu viel Hornmaterial verfügte. Insgesamt konnte die Zehe um 2-3 cm gekürzt werden. Allein dadurch konnte der “Steiler-Stell-Effekt” der Keile eingespart und auf diese verzichtet werden. Gleichzeitig wurde damit der Auffußungsbereich im Zehenbereich vergrößert, so dass der punktuelle Belastungsdruck vermindert werden könnte. Als allgemeine “Schmerztherapie” für den gesamten Hufbereich wurde eine PP-Luftdrucksohle verwendet. Für ein schnelles Abrollen des überlasteten Hufrollenbereichs wurde ein NBS-Beschlag, als Aluminnium-Beschlag gewählt.

Hinterhand

Die Hinterhand war mit einem Standard-Beschlag versehen. Auch hier war nach Abnahme der Hufeisen eine deutlich zu lange Zehe zu sehen. Hiermit konnte das Pferd nur eingeschränkten Schub nach vorne entfallten, was zu einer höheren Lastaufnahme auf der bereits überbelasteten Vorhand führte. Das Pferd wurde für die anstehende Regenerationsphase auf der Hinterhand barhuf gestellt und die überlange Zehe gekürzt.

Erste Ergebnisse

Bereits nach wenigen Minuten zeigte das Pferd auf der linken Vorhand eine zunehmende plane Fussung und lief freier. Am darauf folgenden Tag beurteilten Besitzer und Reitlehrer das Laufverhalten als deutlich besser, weniger fühlig, mit freiem Trab und Gallop.

Behandlungsschritt 2: Beschlag mit Trachtenunterstützung

Nach 6 Wochen wurde das Pferd dem Hufschmied erneut vorgestellt. Die Hufsituation hatte sich grundlegend verbessert:

  • Der rechte Vorderhuf, zeigte eine normale Hufmorhoplogie und konnte bereits normal beschlagen werden (St. Croix, Aluminium-Beschlag ohne Trachtenunterstützung)
  • Der linke Vorderhuf zeigte einen deutlich steileren Hufwinkel von 57 Grad (bei Behandlungsbeginn unter 50 Grad!) und der Trachtenbereich hatte begonnen, sich “aufzurichten” (siehe Bildfolge). Zur weiteren Verbesserung der Situation wurde der linke Vorderhuf mit einem geschlossenen Colleoni-Aluminiumhufeisen beschlagen, an dem eine Zehenrichtung zum besseren Abrollen angebracht wurde.

Bildfolge: Regeneration des Trachtenbereiches beim 2. Beschlag nach sechs Wochen: Vor dem Behandlungsbeginn lag die Trachte (hinterer Hufbereich) noch bis zur Hälfte auf der Fläche des Hufeisens auf und zeigte einen sehr flachen Winkel (Wandverlauf). Beim zweiten Beschlag ist die hintere Trachtenwand schon deutlich steiler und liegt mit weniger Fläche auf dem Hufeisen auf.

Behandlungsschritt 3: Erneuerung Beschlag mit Trachtenunterstützung

Nach sechs Wochen wurde der Beschlag mit einem Aluminiumeisen, welches den Trachtenbereich unterstützt, erneuert. Die Vermessung der Hufwinkel der linken und rechten Vorhand ergab jeweils 57-58 Grad. Dies entspricht dem Fesselstand des Pferdes und kann als Zielgröße für die Korrektur des Hufwinkels gesehen werden.

Bilder: Der Vergleich der Hufsituation vor Behandlungsbeginn und dem aktuellen Behandlungsschritt zeigt, dass sich der Trachtenbereich bereits nach 4 Monaten Behandlungszeit deutlich verbessert hat.

Behandlungsschritt 4: Sehnenverletzung und Umstellung auf Broken Rolling

Änderung der Beschlagserfordernis

Kurz nach Behandlungsschritt 2 (Erstbeschlag mit Trachtenunterstützung) zog sich das Pferd auf der rechten Vorhand eine Sehnenverletzung zu, die den Besitzer zwang, das Pferd komplett zu schonen.

Da das Pferd auf Grund dieser Verletzung einen stockenden Gang zeigte, wurde zu Behandlungsschritt 3 der stoßgedämpfe Beschlag mit Trachtenunterstützung beibehalten. Zwar stand bereits der Gedanke im Raum, dem Pferd, das Gehen durch einen Beschlag mit einem Broken Rolling, der ein schnelles und einfaches Abrollen nach allen Seiten erlaubt, zu erleichtern; da das Pferd im Heilungsprozess durch einen zu dynamischen Beschlag jedoch nicht überfordert werden sollte, wurde dieses Beschlagsart zunächst zurückgestellt.

Als sich beim nächsten Hufschmiedetermin das Gangbild jedoch deutlich gebessert und stabilisiert hatte, wurde nun -zu Behandlunsschritt 4- ein Beschlag mit einem Broken-Rolling-Aluminiumeisen gewählt.

In der Tat lief das Pferd nach diesem Beschlag noch einmal besser als nur mit dem bis dato verwendetem Beschlag mit reiner Trachtenunterstützung.

Behandlungschritt 5: Ernährungsumstellung und Entgiftung

Mitten im Behandlungsumlauf sorgte das äußere Erscheinungsbild und die damit verbundene Problematik für einen Stillstand im weiteren Trachtenaufbau. Das Fell des Pferdes begann deutliche Kahlstellen zu entwickeln. Seitens des Besitzers konnte eine parasitäre Erkranung als Ursache tierärztlich ausgeschlossen werden.

Zugleich fiel auf, dass sich das Horn in seiner Qualität verschlechterte. Die Hornsubstanz wurde bröckelig, was den weiteren Aufbau der Trachten verzögerte. Seitens des Hufschmieds wurde eine Klärung der Ernährungssituation angeraten, da vermutet wurde, dass die verschlechterte Hornqualität mit den Kahlstellen im Fell zusammenhängen könnte.

Analyse der Ernährunssituation

Diagnose: Anja Beifuss (Kontakt: www.hbd-agrar.de)

Das Ziel der Behandlung ist eine Entgiftung des Pferdes sowie eine Darmsanierung. Dazu wurde das Pferd mit einem guten, rein organisch gebundenen Komplettmineralfutter zu Beginn eingestellt. Zudem wurde die Haferration deutlich reduziert und zusätzlich Reisfuttermehlpellets gegeben, um die B-Vitaminversorgung für die Leber zu erhöhen. Weggelassen wurde die Fütterung von Müsli und Pellets, sowie von von Zucker/Melasse.
Des Weiteren erhält das Pferd knapp 2 Wochen lang homöopathische Globuli, um die Entgiftungswege zu öffnen. Außerdem wird das Pferd mit Natron für 6 Wochen entsäuert und eine Darmsanierung begonnen.

In ca. 3 Monaten, wenn die Darmsanierung weit fortgeschritten ist, beginnen wir mit einer umfassenden ( Metall-) Entgiftung. In den nächsten 6 Monaten soll das Pferd keineswegs geimpft werden, außer evtl. Tetanus, falls nötig. Wurmkuren sind unter begleitenden Maßnahmen möglich.

Behandlungsschritt 6: Mobilisierung nach Sehnenverletzung

(Behandlung: Esther Weber-Voigt, Kontakt: www.esther-weber-voigt.de

Am 30. Mai wurde ich erneut zum Pferd gerufen, den ich bis dato mindestens ein halbes Jahr nicht gesehen hatte. Es war ein wichtiger Schritt Frau Beifuß in die Behandlung mit einzubeziehen, da die Symptome der Haut vom Tierarzt nicht behandelt werden konnten und es wichtig war die Problematik von einer andren Seite anzugehen.

Ich stellte erfreut fest, dass die Zeit der Rehabilitation sich positiv auf den Bewegungsapparat ausgewirkt hatte. Die gesamte Rückenlinie wirkte entspannter, auch wenn das Pferd Muskulatur abgebaut hatte. Ich massierte und dehnte das gesamte Pferd und konnte eine leichte Verschiebung des Beckens rechts nach cranial feststellen, die sich durch myofasziale Techniken lösen ließ. Dies kann nicht durch einen Termin final behoben werden und wir beschlossen das Pferd regelmäßig alle 14 Tage zu behandeln, der Folgetermin steht noch aus.

Die Hufsituation hat sich deutlich gebessert und es zeigte sich erneut wie wichtig die Zusammenarbeit der einzelnen Fachleute rund ums Pferd, in diesem Fall, Fütterungsexperte, Schmied und Osteopath ist.

Behandlungsabschluß: Der Wallach mit Trachten in der Regenerationsphase

 

 

 

 

 

 

 

Bild links: Die Trachtensituation vor Behandlungsbeginn

Bild rechts: Die wieder aufgebauten Trachten

Beurteilung und Ausblick der behandelnden Osteoptahin

(Esther Weber-Voigt, Kontakt: www.esther-weber-voigt.de)

Das Pferd zeigt bei jedem Kontrolltermin eine deutliche Gesamtverbesserung, sei es das Hautbild und auch am Bewegungsapparat. Die schonende Rehaphase zeigt deutliche Verbesserungen am Rücken und auch an der Kommunikationsfreude des Pferdes. Wir haben uns auf einen Untersuchungsgang alle vier bis sechs Wochen geeinigt. In meinem Focus als Osteopathin und Physiotherapeutin liegt vor allem der Rücken, der deutlich abgebaut hatte und über schonendes Aufbautraining unter dem Sattel und auch an der Longe und konsequente Massage und Dehnung durch den Besitzer betreuet wird.

6 Gedanken zu “Wallach “ohne” Trachten

  1. Hallo,

    toll, wie der Huf schon beim ersten Beschlag hingestellt wurde!
    Habt ihr die Zehe von unten gekürzt und die Zehenwand gestreckt, um das zu erreichen?
    Eine Frage: Könnte man im zweiten oder dritten Beschlag – da ein Eisen mit zurückversetztem Breakover verwendet wurde – die Seitenwände bis zur weißen Linie anschrägen oder sogar ganz leicht schwebend stellen, um so den Röhrchen ein Zurückschieben von vorn nach hinten zu ermöglichen? Ich denke da an den Four-point-Trim bzw. Beschlag von Ric Redden? Barhuf funktioniert das zwar langsam, aber es geht.
    Ich selbst habe ein ähnliches Trachtenproblem plus überbelastete Innenwände wegen vaglus in carpus und Fessel und Rotation des carpus nach außen, daher muss Beschlag sein.
    Beste Grüße,
    Jutta Grünewald

    • Hallo Jutta,

      die Seitenwände schwebend zu stellen, um den von Dir beschriebenen Effekt zu bewirken ist eine sehr gute Idee. Allerdings ist das für mich auch eine Zwickmühle! Die seitlichen Wandstruckturen zu schwächen würde ja auch bedeuten, die Lastaufnahme stärker auf andere, z. Bsp. hintere Hufwandbereich zu verlagern. Da sehe ich die Gefahr, dass die eh schon überlasteten Trachten noch mehr Last aufnehmen müssen und die sind bei diesem Pferd eh schon in einem schlechten, bröckelnden Zustand. Daher bin ich hier um ein Mittragen der Seitenwände froh. Ich habe dem Besitzer angeraten, vielmehr die Ernährungssituation zu überprüfen/verbessern.

  2. Herzlichen Dank für deine Antwort, ich war schon gespannt!
    Die Belastungssituation ist für die Trachten meist ungünstig, so auch bei mir, ich werde es trotzdem versuchen. Der Bogen im Koronarband – den ich auch habe – deutet darauf hin, dass die Wand vielleicht doch ziemlich schnell “herunterkommen” und mittragen würde. Das Koronarband würde besser durchblutet und die Seitenwand wird stärker (breiter). Soweit meine Theorie. Sollte es klappen werde ich berichten : )

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